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“Warum soll mein Kind schießen?”

Eine Argumentations- bzw. Entscheidungshilfe von Günter Sitta, Übungsleiter F und
3. Gaujugendleiter im Schützengau Aichach.

“Warum soll mein Kind schießen?”
Diese Frage stellten sich manche Eltern, als die Amokläufe von Winnenden usw.
bekannt wurden. Sie befürchteten, dass in unseren Schützenvereinen die elterliche
Erziehung zur Gewaltfreiheit oder zur Friedensgesinnung verloren gehen, dass sich
sogar ein Killerinstinkt aufbauen könnte. Wer aber einen Schützenverein besucht und
seine Jugendarbeit beobachtet hat, erkennt, dass diese Sorgen völlig unbegründet
sind. Die Ziele eines Schützenvereins beim Bayerischen Sportschützenbund (BSSB)
oder beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) laufen genau in die andere
Richtung.
Unser Schießsport hat seine Betonung auf Sport, die Sportwaffe ist unser Sportgerät.
Wir zielen nie auf Menschen, auch nicht digital. Wir ahmen keine Verletzungs- oder
Tötungsszenen nach (z.B. Paintball). Wir haben keine martialischen Verkleidungen,
die uns als Krieger darstellen sollten. Es wird nicht geballert. Unser optisches Ziel
sind nur runde Papierscheiben. Dass der Zehnerring von Jungschützen möglichst oft
getroffen werden kann, daran muss körperlich und geistig intensiv gearbeitet werden.
Und genau diese Erziehungsarbeit übernehmen die Sport- und Jugendleiter in den
Schützenvereinen. Keine leichte Aufgabe, es ist sogar Schwerarbeit. Ich möchte sie
deshalb im Folgenden einzeln auflisten:
Ein verantwortungsvoller Jugendleiter erzieht zur Pünktlichkeit. Wettkämpfe finden
meist zu genauen Uhrzeiten statt. Auch die gemeinsame Abfahrt im PKW zum
Wettkampfort ist festgelegt. Wer in der Mannschaft aufgestellt ist, muss zuverlässig
antreten. Der Betreuer achtet darauf, da sonst kein Mannschaftsergebnis zustande
kommt. Damit werden auch der Teamgeist und die Kameradschaft gefördert. Der
Umgang mit dem Sportgerät erfordert höchste Disziplin. Strenge Sicherheitsbestimmungen
werden daher schon am allerersten Trainingstag eingeübt und immer
wiederholt. Wichtig ist auch die sorgfältige Behandlung der Waffe, sei sie
Vereinseigentum oder (später) im Privatbesitz. Das Training erfordert Fleiß. Geduld
und Ausdauer sind erforderlich, wenn sich nicht gleich die gewünschten Ergebnisse
einstellen. Ehrlichkeit ist wichtig, da sich doch hin und wieder eine Möglichkeit
ergeben könnte, sein Ergebnis heimlich zu verschönern. Vor jedem Wettkampf und
vor allem vor jedem Schuss ist höchste Konzentration nötig. Dies alles sind
Eigenschaften, die einem Kind auch in der Schule (und später im Berufsleben)
abverlangt werden.
Beim regelmäßigen Training und bei den zahlreichen Wettkämpfen wird jede Menge
gelernt: Regeln müssen eingehalten werden, die z.B. in der Sportordnung oder in der
Rundenwettkampfordnung festgehalten sind. Siege oder Niederlagen werden vom
Team und vom Jugendleiter durchgesprochen und verarbeitet. Druck oder Stress
werden erlebt und müssen wieder abgebaut werden. Das ist nicht immer einfach.
Das Kind wird angelernt, dass es für sich und auch für andere Verantwortung
übernehmen muss. Man muss Rücksicht nehmen können. Für den eigenen Ehrgeiz
wird eine Plattform geschaffen. Er kann sich entwickeln, darf aber nicht zu
Überreaktionen führen.
Selbständigkeit wird eingeübt. Im Training und nach jedem Wettkampf erfolgt
zusammen mit dem Trainer eine Fehleranalyse. Im Wettkampf selbst ist der Schütze
ohne Hilfe. Ist er mit einem Schuss unzufrieden, muss er ganz allein nachdenken:
Wie kam der Fehler zustande? Wie kann ich mir helfen? Was kann ich vor dem
nächsten Schuss verbessern? Kurz gesagt, man gewinnt innerlich an
Sekundärtugenden. Sie werden heute verstärkt von der Wirtschaft verlangt. Zur
Verwirklichung dieser hochgesteckten Ziele ist das regelmäßige Gespräch mit den
Eltern nötig. Im Übungsbetrieb kann der wachsame Jugendleiter seelische
Veränderungen der Kinder erkennen, weil sie sich im zwanglosen Umgang mit ihren
Freunden ganz natürlich und offen geben. Er schaut hin und reagiert achtsam, wenn
bei einem Jugendlichen Probleme auffällig werden. Eine vertrauensvolle und
bedachte Zusammenarbeit mit den Eltern könnte zu einer Lösung führen. Kein
Jungschütze darf sich in einer seelischen Notlage hilflos fühlen.
Eltern fragen nun weiter: Warum soll mein Kind gerade zu den Sportschützen gehen,
denn diese Lern- und Erziehungsziele werden doch auch von anderen Sportarten
erreicht?
Es gibt zwei Gründe:
Zum einen ist Sportschießen eine sehr objektive Sportart. Es gibt keinen
Schiedsrichter, der am schlechten Ergebnis schuld ist. Es gibt keine Beeinflussung
von Mitkonkurrenten im Wettkampf. Ich allein habe mein Ergebnis erzielt, egal ob gut
oder schlecht.
Zum anderen ist es ein äußerst genauer Gradmesser für die eigene aktuelle
Verfassung. Sei es ein körperliches Unwohlsein, Ärger in der Schule oder
Trainingsrückstand, das Ringergebnis zeigt unbarmherzig jedes Tief, aber auch
jedes Hoch an. Sportschießen kann somit ein Indiz für das Gefühlsleben des Kindes
sein.
Nur der ideale Jugendleiter wird alle diese Aufgaben vollständig erfüllen können.
Eltern können aber beruhigt sein, dass sich jeder Verantwortliche im Schützenverein
bemühen wird, Körper, Geist und Seele des Anvertrauten anzusprechen und zu
fördern, zum Wohle des Kindes und auch im Sinne der Erziehungsberechtigten.

3.Gaujugendleiter (Gau Aichach) und Übungsleiter -F
Günter Sitta

Quelle: http://www.bezobb.de/Jugend/warum_schiessen_260709.pdf

© Thomas Lerzer
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